Nichts passiert unerwartet, auch eine Firmenpleite nicht. Es war genügend Zeit vorhanden eine Radtour zu organisieren und einen Mitfahrer unter den Kollegen zu finden.  Termin: Nach der Insolvenz.

2014 mit 31 Jahren eine halbe Ewigkeit nach der ersten Ostseetour 1983, sollte der Weg nochmals gefahren werden. Ich war einfach neugierig auf die Veränderungen in diesen Jahren.
Eine Streckenplanung wurde nicht gemacht, da es die selbe Route wie auf der ersten Tour sein sollte.

Das Fahrrad war ein gewöhnliches Trekkingrad mit einer 7 Gang Schaltung, also eher ganz gewöhnlich.

Start war Freitag früh um 8Uhr, also reichlich spät um eine große Strecke zu fahren aber was solls.
Die B107 führt von Chemnitz nach Norden und ist ideal. Als Bundesstraße ist die 107 durch den Bau der Autobahn Chemnitz Leipzig mittlerweile ohne Bedeutung für den Verkehr. Und so stellte sich das Gefühl ein, wieder im Jahr 1983 unterwegs zu sein. Und tatsächlich kam mir die Strecke sehr bekannt vor, wenn auch der Fahrbahnbelag deutlich besser war.
Auch die Gewitterwolke wie damals war wieder da. Nur diesmal meinte die Wolke es gut und zog, wie wir, mit leichtem westlichem Abstand ebenfalls nach Norden. Wir sind nicht nass geworden und konnten den Schatten der Wolke genießen, da es hochsommerlich warm war und die Sonne eher unangenehm gewesen wäre.
So verlief die Fahrt fast schon ein wenig einsam. Vor Grimma wurde es mehr Verkehr. Das es entlang der Strecke einen neuen Radweg auf einer alten Bahntrasse gab, wurde zu spät bemerkt. Hinweisschilder für diesen Radweg gab es keine. Wer weiß, wo der Radweg verläuft, ist klar im Vorteil. Für das nächste mal ist das Wissen vorhanden.
Von Grimma ging es weiter nach Norden und ab Bad Düben auf die B2. Diese sehr lange gerade aus laufende Straße nach Wittenberg hatte ein gewisses Risikopotential. Es war eine inoffizielle Rennstrecke. Mehrere Male kurvte auf dieser Piste eine Motorradgang hin und her. Geschätzte Geschwindigkeit etwa 180km/h. Ganz schön zu schnell  für meine Vorstellung, die sich an einer MZ TS150 und den Bedingungen der frühen 1980er fest macht.

Irgendwann kam der Hunger. Ein Imbiss war der Ersatz für die vielen Kneipen die es einmal gab. Diese waren geschlossen  und teils schon in einem gefährlich baufälligem Zustand.
Die Tante Emma Läden wurden durch Supermärkte ersetzt, die sich an den Ortsein- und Ortsausgängen der größeren Orte befinden. Wichtigstes Werkzeug auf der Tour war ein Löffel um die Nahrungsaufnahme vor dem Supermarkt zu bewerkstelligen.
Ich bin mir nicht sicher ob ich die Veränderung in der Versorgung gut oder schlecht finden soll?
Die vielen Einkaufsmöglichkeiten haben aber auch einen Vorteil. Die Tour lässt sich in einen recht ausdauernden Rhythmus pressen: Eine Stunde Rad fahren und 15min Pause am Supermarkt...

Nach Wittenberg ist das Land dünner besiedelt. Die Nebenstraßen sind schmal und für das Fahrradfahren angenehm. Unangenehm war ein Streckenabschnitt der autobahnähnlich ausgebaut, und für Radfahrer gesperrt war. Ein Radweg war nicht vorhanden. Super!
Das Smartfon suchte einen passenden Weg über die kleinen Örtchen heraus.
Vor Brandenburg wurden die Beine schlapp. Zeit für die Pizza in einer Dönerbude. Die Dönerbuden sind eine verlässliche Größe. Genauso verlässlich wie die Kneipen in den früheren Zeiten. Nur sind diese nicht mehr der zentrale Treff im Ort.
Mit der Nähe zu Berlin, habe ich die gezielt nach den militärischen Bauten aus alten Zeiten gesucht. Diese gibt es immer noch, auch wenn die Nutzung eine andere ist. Meistens verstecken sich die Gebäude, militärisch artgerecht getarnt, hinter wild wachsenden Hecken.

Im Vorfeld wurden einige Fahrrad Unterkünfte auf der Strecke herausgesucht.
Ein Anruf: "Sind noch 2 Betten frei?"
"Ja 2 haben wir gerade noch."
In einem Vorort von Brandenburg befand sich die Bike und Brekfast Unterkunft, ganz neu, einfach super. Wir waren die einzigen 2 Gäste. Mit dem Hotelier wurde noch ein Bier getrunken. Das war es dann.

Am nächsten Tag sollte es bis nach Warnemünde gehen. So der optimistische Gedanke beim Frühstück.

Die Fahrt begann wieder durch das Städtchen Brandenburg, dann nach Norden durch das Havelland.
Eine schöne Gegend. Endlos lange gut ausgebaute Nebenstraßen ohne Verkehr, Bäume, Bäche und Seen ideal zum Gedanken baumeln lassen.
Die Gedanken baumelten so gut, dass ein Abstieg über den Lenker auf einem geraden, gut asphaltierten Fahrradweg, ohne Gegenverkehr erfolgte, weil irgendein großes Tier auf der Wiese graste... Die demolierte Bremse konnte wieder gerade gebogen werden, mehr war nicht passiert.
Entlang der B103 gibt es nur einen stückhaften Ausbau mit Fahrradwegen. Da die Bundesstraße entlang der Autobahn verläuft und B-Straßen noch nicht mautpflichtig waren, war der LKW Verkehr gewaltig. Unterhaltungen waren nicht möglich und bei der Fahrt auf der Straße musste man sich schon sehr konzentrieren.

Wir verließen die B-Straße und vor Güstrow wurde es ruhiger und die Beine müder. Es war Zeit den Zettel mit den Fahrradpensionen zu ziehen und die Übernachtung zu organisieren.
"Sind noch 2 Betten frei?"
"Ja 2 haben wir gerade noch."
Die Unterkunft war ein umgebautes Krankenhaus mit endlos vielen Zimmern. Und.... wir waren fast die einzigen Gäste.
An diesem Tag haben wir gelernt, dass "Ja haben wir gerade noch" ein Satzbau zur Erzeugung eines künstlichen Mangels ist.
Es war noch nicht zu spät, aber rechte Lust auf eine Stadtrundfahrt mit dem Fahrrad hatten wir nicht.

Die restliche Strecke nach Warnemünde war nicht mehr so lang, so dass die Güstrow Fahrrad-Stadtrundfahrt von 15min am Morgen des nächsten Tages nachgeholt wurde. Dann ging es weiter ohne Nutzung von Bundesstraßen, recht gemächlich und mit doch recht spürbaren Muskelschmerzen.

Kurz nach Mittag konnten wir Warnemünde und die Ostsee begrüßen. Zwei Stunden später fuhr der Zug zurück.

Wenn ich nochmal 30 Jahre bis zur nächsten Chemnitz- Ostsee Fahrradtour warte bin ich dann knapp 80 Jahre alt.

Viele Grüße an Jens.

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